Therapie-Theorie

Zitat aus Siebel/Winkler: Noosomatik Bd.V-2, S.11ff (ISBN 3-89379-067-5):

II. Zur Therapietheorie

Es ist sowohl in der Psychiatrie als auch in der Psychosomatik unbestritten, dass es bisher keine allgemeine Therapietheorie gibt. Es ist auch unbestritten, dass, wie auch immer diese allgemeine Theorie beschaffen sein mag, sie auf jeden Fall schlüssige Antworten geben muss zu den bisher noch ungeklärten Phänomenen, die Katharsis, Suggestion (Empathie), Einsicht und Übung (Training) genannt werden. Das ist deutlich beschrieben worden von Bühler und Bozok in der Zeitschrift ”Fortschritte in der Neurologie und Psychiatrie” im Heft 8/1989.

Geistig und überprüfbar nachzuvollziehen, was für die Person selbst von Bedeutung ist, und hierfür die Möglichkeiten zu bieten, zeigt eine andere Weise des Umgangs mit Inhalten von Beratungen und Therapien. Auch in der medizinischen Therapie ist das Verständnis der Patientinnen und Patienten für ihre Therapie von therapeutischer Bedeutung. Das Interesse, die bewussten und unterbewussten Aktivitäten des Geistes miteinzubeziehen in die Beobachtungen von Verhalten und in die Ursachenforschung der Grundlagen unseres Verhaltens, ist sicherlich eine ganz herausragende Änderung, die sich in den letzten Jahren ergeben hat. Sinn lässt sich geistig erfassen oder gar nicht. Das Wissen um die gehirnphysiologischen Zusammenhänge bestätigt dies ja auch allenthalben. Es ist denkbar und notwendig geworden, zu sagen, dass der Geist es ist, der das individuelle Lebensgefüge aller Menschen konstruiert, dass es ihre geistige Einstellung und ihre Sicht auf sich selbst, auf andere Menschen und auf die Widerfahrnisse von ”leben” überhaupt ist, die dieses Lebensgefüge ordnet und strukturiert. Und die Frage ist dann, wie diese Aktivitäten des Geistes mit den geistigen und leiblichen und gefühligen Fähigkeiten und Möglichkeiten umgehen, mit denen wir geboren worden sind. In dem zweibändigen Werk ”Lehrbuch der psychoanalytischen Therapie” 1989 spricht Kächele zwar noch die Sprache Sigmund Freuds, trotz einiger kritischer Anmerkungen, doch in der Zeitschrift ”Ärztliche Praxis” vom 14.4.1990 fordert er: ”Falsche Bilder über Bord werfen”, und sagt ”der psychoanalytische Säugling ist ein Konstrukt” oder ”mit dem Lust-Unlust-Prinzip lässt sich die menschliche Entwicklung nicht hinreichend erklären” und stellt neben dem, was ich vorher schon zitiert hatte, fest, ”dass Neugeborene mit einer fundamentalen Aktivität ausgestattet sind...” und: ”Der Denkfehler war, dass die Charakteristika des normalen Säuglings quasi als Verzerrung, als defiziente Modi der Erwachsenenwelt beschrieben wurden.”

Was als neu anerkannt wird, ist eben das, was die Prämisse der Noologischen Metatheorie und damit eben auch der Noosomatik ist: Menschen werden geboren mit allem, was sie zum ”leben” brauchen (siehe Noosomatik Bd.I-2). Das heißt jedoch nicht, dass wir nicht verwundbar sind. Das Erleiden einer Verwundung ist eine Sache, die Verwertung kindlicher physischer Unterlegenheit ist eine andere Sache. Das Erleiden einer Verwundung ist offenbar etwas, womit wir uns in den Widerfahrnissen von ”leben” zurechtfinden müssen, und wir haben zu akzeptieren, dass es das gibt. Wir können möglicherweise dazu beitragen, dass weniger verwundet wird, aber Verwundungstendenzen ganz und gar aufzulösen ist sicherlich kein erreichbares Ziel. Verwundungserfahrungen und Verwundungstendenzen haben Inhalte, die wahrnehmbar und beschreibbar sind. Sie können also auch tatsächlich bewusst wahrgenommen werden, was zu einer Änderung (durch “geistige Läuterung”, Katharsis) von Verhaltensweisen führen kann. Sie lassen sich auf Dauer nicht verheimlichen, weder draußen noch drinnen. Also lässt sich Wahrheit auch im Individuum selbst nicht fortgesetzt verheimlichen, auch dann nicht, wenn Vorausurteile den Blick trüben und Anstrengungen wachrufen, die eigene Position durch Verhaltensweisen oder nach dem Motto: ”Recht ist, was mir recht ist” in die Tat umzusetzen, also die Position zu stützen durch aversive Verhaltensweisen. Es kann nur das in Erscheinung treten, was Anteil hat am Sein, was der Wahrnehmung zugänglich und damit als Erfahrung von Wahrheit auch geistig nachvollziehbar ist. Auch wenn die Geschichte zahllose Beispiele zeigt, wie erfolgreich Wahrheit unterdrückt werden kann.

Einige Umgangsweisen der Eltern mit dem Kind zielen auf die Identifizierung von Sein und Selbstverständnis beim Kind. Das im genauen Wortsinne selbstverständliche Sein des Kindes ist ja dem Kinde genau das: selbstverständliche Teilhabe am Sein und insofern empfindbar, sozusagen ”verständlich”, wenn auch auf eine nicht geistige Art und Weise. Der Organismus organisiert eben auf physiologische und nicht auf noologische Weise die Lebensäußerungen des Kindes. Diese Lebensäußerungen als selbstverständlicher Ausdruck des Seins dieses individuellen Kindes sind geistig-inhaltlich nicht faßbar und deshalb in der Regel das Gegenüber von Interpretationen bis hin zu der bekanntesten Fehldeutung, Menschen seien was sie tun (Identifizierung von Person und Verhalten).

Die Teilhabe des Menschen am Sein ist unmittelbar einsichtig: Kein Mensch ist das Sein. Das Selbstverständnis von Sein erschöpft sich ganz offenkundig im Menschen nicht. Seiendes hat also Teil am Sein, repräsentiert das Sein jedoch nicht. Diese Teilhabe ist möglich, da das Sein an sich selbst teilgibt. Diese Teilgabe ist für das Sein selbstverständlich und nur ihm selbst, oder dem, was noch vor dem Sein gedacht werden kann, verständlich (siehe das Kapitel ”Furcht” in ”Schmach usw.” 3.Aufl.). Das bedeutet für unsere Wahrnehmung: Selbst wenn wir die Summe von allem Seienden erfassen könnten, hätten wir noch nicht das Sein erfasst. D.h.: selbst wenn wir die Summe aller Lebensäußerungen eines Menschen erfassen könnten, hätten wir das Sein eines Menschen trotzdem noch nicht erfasst. Wem die hier erkennbaren Lücken unerträglich oder peinlich erscheinen, der wird sie durch Produktion eigener Vorstellungen und Ideen füllen und diese dann als wahre Erkenntnis über das Sein ausgeben. Es handelt sich dabei dann jedoch stets um Inhalte des persönlichen Glaubensbekenntnisses. Diese sogenannten Erkenntnisse (eigentlich Bekenntnisse) sind das Ergebnis der Addition von bisjetzigem Wissen mit dem Fürwahrhalten der Inhalte der die Lücke füllenden Ideen. Dabei wird die Existenz einer Idee schon als Beweis ihres Wahrheitsgehaltes betrachtet. Dieser Satz, dass nur in Erscheinung treten kann, was Anteil hat am Sein, bezieht sich schon auf sehr alte griechische Überlegungen, die bis heute unwidersprochen sind, es sei denn, man vertritt den solipsistischen Standpunkt, dass eh alles außerhalb von uns Illusion sei. Der differenzierte Blick auf das, was wir Wahrheit nennen, macht es möglich, die Trennung zu vollziehen zwischen Wahrheit und Wirklichkeit. Was in Erscheinung tritt, hat also Anteil am Sein. Es ist gewirkt, es ist Bestandteil unserer Wirklichkeit. Ist das, was in Erscheinung tritt, dann aber auch wahr? Wahrheit überzeugt nicht dadurch, dass sie Wahrheit ist. Unwahrheit wird nicht dadurch zur Wahrheit, indem wir sie für wahr erklären. Das, was also in der Wirklichkeit in Erscheinung tritt, ist Bestandteil dieser Wirklichkeit. Hat es auch Bezug zur Wahrheit? Das ist eine andere Frage. Doch was Anteil hat am Sein, ist der Wahrnehmung zugänglich und damit dem Umgang mit dieser Wahrnehmung, sprich der Erfahrung. Insofern sind wir Menschen in der Lage, Wahrheit wahrzunehmen, ohne selbst die Wahrheit so in uns aufzunehmen, dass sie für niemand anderen mehr zur Verfügung steht. Menschen können mit der Wahrheit so umgehen, dass sie auch noch für andere zur Verfügung steht. Sie wird weder aufgebraucht durch unseren Gebrauch, noch durch eine fälschliche Personifizierung (jemand sei die Wahrheit) auf Eingeweihte fixiert. Wahrheit ist als solche wahrnehmbar, wiederholt wahrnehmbar und ihre Erscheinungen dem Fundus des Wissens hinzufügbar, wenn über die Wirklichkeit die eigenen Wahrnehmungen in Erfahrungen eingebracht und umgesetzt werden, das heißt, wenn wir auch ausprobiert haben, was wir an Wissen meinen zu haben. Erst das Umsetzen dieser Entscheidung in die Tat bringt die Erfahrung und die Erfahrung damit, dass wir gerade zuvor ”ja” zu uns selbst gesagt haben. Denn dieses Ja zu uns selbst ist die Voraussetzung dafür, Wahres überhaupt wahrnehmen zu können. Doch wir haben auf etlichen Gebieten den Umgang mit Wahrheit verlernt - in der Verwundung, wo wir auch gelernt haben, nein zu uns selbst zu sagen. Also ist es logisch, wenn wir sagen, wir bekommen in dem Maße Zugang zu Wahrheit, wie wir einen Zugang zu uns selbst bekommen, ohne dass wir selbst die Wahrheit sind.

Damit habe ich einen dieser Begriffe, die gefordert werden für eine allgemeine Theorie, in Kurzfassung erwähnt, nämlich das Stichwort ”Training”. Der Begriff ”Training” (Übung) ist hier der Ausdruck des Wagnisses neuer Erfahrungen, die Routinen und Verhaltensmuster unseres Unterbewussten und auch unseres Bewusstseins zu ändern in der Lage sind. Da wir ohnehin nicht aus der Erfahrung schöpfen können, wenn wir eine Entscheidung zu Änderungen fällen, die unseren Lebensweg betreffen, ist jede Entscheidung in diesem Zusammenhang mit Mut verbunden, der ohne angemessene geistige Orientierung dann eher zu Leichtsinn oder Übermut führt, was in aller Regel nur wieder das alte Verhaltenssystem als ”bewährter” darstellen soll. Dies ”Neue” ist das, was ich gelegentlich auch die 180°-Drehung nenne: dass wir völlig ”andersherum” etwas probieren und nicht das, was bisher immer nur das Alte erbracht hat. Es ist auch gehirnphysiologisch die Möglichkeit, neue Zellen in der Großhirnrinde mit wirklich neuen Erfahrungen zu füllen, um dann weitere Erfahrungen mit der neuen Erfahrung machen zu können. Dadurch werden wir auch wesentlich deutlicher der Problematik der Bremsungen durch Impulse des Frontalhirns gewärtig. Das gibt uns dann die Möglichkeit, tatsächlich im Zugang zu uns selbst auch Zugang zur Wahrheit zu finden, uns als Verwundete selbst zu akzeptieren, ohne uns immer auf Verwundung zu reduzieren. Mit diesem Thema ist natürlich der Begriff ”Einsicht gleich schon mitbehandelt.

Der Begriff ”Suggestiondarf nicht im Sinne einer Manipulierung in eine allgemeine Theorie einfließen. Wenn die Forderung gestellt wird, über Suggestion etwas zu sagen, ist immer das gemeint, was an anderer Stelle Empathie genannt wird: Auch über nonverbale Kommunikation des Verstehens wird wechselseitig Einfluss aufeinander genommen, nicht nur z.B. von Analytiker/in auf Analysand(inn)en, sondern auch von Analysand(inn)en auf die/den Analytiker/in. Die aversive Umkehrung der Suggestion wird durch die Begriffe ”Übertragung” und ”Gegenübertragung” bezeichnet, die in der Psychoanalyse von Freud auch als therapeutisch wirksame Faktoren akzeptiert werden, sofern sie bearbeitet werden (siehe in Noosomatik Bd.VII). Es handelt sich bei der Suggestion (hier jetzt synonym: Empathie) um nonapparente Erkennungsreflexe der prätraumatischen Situation, also jener Situation ”hinter” der Verwundung. Das verdient sicherlich nicht den Namen ”Suggestion”. Es ist die Frage, wie das Phänomen überhaupt beschreibbar ist, wenn Menschen miteinander reden über Angelegenheiten, die als problematisch erlebt werden, und sie es doch im Gespräch miteinander aushalten, wenigstens für eine gewisse Zeit; denn der eine Mensch, der das Problem hat, hält es ja mit sich selbst schon kaum aus. Oder: Derjenige Mensch, der das Problem mit sich selbst hat, hört sich dann das an, was ein anderer, der dieses Problem ja nicht hat, dazu meint. Also, was soll er, der das Problem nicht hat, was ich habe, mir sagen zu meinem Problem, was ich habe? Im Grunde ist es ein Wunder, dass überhaupt solch ein Gespräch länger als drei Minuten dauert. Es ist doch nur möglich, weil beide in dem Augenblick auch wieder von der Wahrheit ihrer Verwundung absehen und deshalb auch von ihren bisherigen Erfahrungen, indem sie eine zwischenmenschliche Situation zulassen, die sozusagen neben der Problematik eine Relation ermöglicht. Die Wirkung dieser Relation entkommt der Sicherung vor Ungewohntem, Neuem, Fremden, entspringt der Möglichkeit zur Mitmenschlichkeit, eben nicht nur bewusst, sondern auch vom Bewusstsein her unbeobachtet mitzuempfinden, Ähnliches zu erfassen, Gemeinschaft zu erspüren, auf die Herausforderungen zu antworten. Für einen angemessenen Umgang mit diesem Antworten ist es notwendig, die Reihenfolge ”antworten/sichten” einzuhalten: Das Antworten (unsere physiologische Mitbeteiligung, leider auch ”Reaktion” genannt) mit Hilfe der physiologischen Verarbeitung der Wahrnehmungsinhalte ist vor der bewussten Wahrnehmung und sogar auch vor der unterbewussten Anfärbung spürbar. Selbstkritische Reflexion muss dies so berücksichtigen, dass Projektionen sofort erkannt und Symbiosewünsche enttarnt werden können. Die Erfüllung unterbewusster Wünsche der regressiven Art (Mutter- oder Vaterersatz zu suchen) verlangt die Aufgabe der eigenen Persönlichkeit, verlangt bis in die Spontaneität hinein eine Angleichung von Verhaltens-, Denk- und Empfindungsweisen. ”Bis in die Körperfunktionen hinein kann man Folgen unbewusster Umstellungen im Fall des Wechsels im mitmenschlichen Umgang nachweisen” (Wiesenhütter, Grundbegriffe usw., 19873, S.180). Das heißt, die Situation jedes (tatsächlich) innigen Gespräches zwischen zwei Personen lebt davon, dass beide von der Tendenz zur Sicherung bisjetziger Vorstellungen absehen, dass sie beide wahrhaftig da sitzen. Und was auch immer dann an mehr oder weniger unbewusstem Geplänkel stattfindet, an kleinen Testversuchen, um zu schauen, wie tragfähig die Beziehung eigentlich ist, was auch immer da an ”netten” Kleinigkeiten stattfindet, die von Kindesbeinen an trainiert worden sind, es geht letztlich um die Akzeptanz nicht nur der Freiheit, sondern um die Akzeptanz des einfach bloß Dasein-Dürfens.

Hier taucht der Begriff des Dürfens auf. Das Daseindürfen ist für viele, zum Beispiel für diejenigen, die mit dem Sowieso-Fatalismus ”gesegnet” sind, nicht das Problem, sie dürfen ja eh eigentlich nicht. Aber dieses Nicht-dürfen einfach zu dürfen, öffnet Möglichkeiten für das Gespräch. Analytiker/innen dürfen aber nicht nicht-dürfen, doch das macht dann auch nichts, weil in dem Augenblick der Raum für einen inneren vergnüglichen Umgang mit dem sonst so belastenden und quälenden Problem da ist, auch wenn frau/man sich dann dem Vorwurf aussetzt, frau/man nehme den Menschen nicht ernst. Das ist die alte Frage, ob ich die Menschen ernst nehmen soll und ihre Probleme ironisieren darf, also die Menschen lieben soll oder ihre Probleme. Dieses nonapparente Sich-miteinander- in-Verbindung-setzen sieht ab von dem, was als Wahrheit im Blick war, um sich von ihr infizieren zu lassen auf dem Weg zur Lösung der Probleme. Das ist das dynamische Element der Wahrheit, das sie als vom weiblichen Prinzip getragen erkennbar macht und sie so unterscheiden hilft von den vom pervertierten männlichen Prinzip getragenen Dogmen, Fiktionen und Vorausurteilen. Und abgesehen wird auch von bisjetziger Erfahrung. Diese analytische Begegnung mit einem Menschen ist sicherlich eine neue Erfahrung. Auf Grund alter Erfahrungen wäre es doch auch gar nicht möglich, sich in diese neue hineinzubegeben, also bezieht sich der Wunsch z.B. nach mehr Wissen über sich selbst nicht auf die Verwundungserfahrung. Niemand kann sich auf eine Erfahrung beziehen, wenn etwas Neues riskiert werden soll. Und das verdient nicht den Begriff ”Suggestion”, sondern es ist der (nonapparente) Erkennungsreflex (der eigenen i-Punkte = das vor der Verwundung existierende Ursprüngliche). Der Begriff Empathie scheint mir die Konsequenz des Erkennungsreflexes am besten zu bezeichnen.

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