Deutungssysteme

Zitat aus Siebel/Winkler: Noosomatik Bd. V-2, S. 142 ff (ISBN 3-89379-067-5):

5.10.5.3. Das Problem individueller Deutungssysteme

(zusammenfassende Darstellung auch zu den Themen der VA-Entstehung und der 1. bzw. der 2. Umdrehung)

Wir haben gesehen, dass subjektive Deutungen nicht mit selektiver Wahrnehmung erklärt werden dürfen; sie sind vielmehr Folgen subjektiver (intraindividueller) selektiver Verarbeitung und der Anfärbung unterbewusster (bisjetziger) Verarbeitung von Erfahrung. Berücksichtigen wir den Tatbestand, dass ein Kind im Normalfall zwar mit allem geboren wird, was es zum ”leben” braucht (z.B. Mut, Hoffnung, Weite; Liebesfähigkeit und Annahmefähigkeit von ”lieben”), da die (diese Phänomene repräsentierenden) Gehirnfunktionen ausreichend aktiv sind, jedoch die Gehirnanteile, die den ”Geist” ausmachen, erst nach der Geburt durch Außenimpulse aktiviert und orientiert werden, so ergibt sich die Schlussfolgerung, dass die endogenen Ursachen für alle Verhaltensweisen wie auch für ”Kränkungen” (sowohl drinnen im Menschen wie auch die nach außen gerichteten) im ”geistigen” Zusammenhang zu suchen sind. Die von mir beschriebenen Verwundungserfahrungen mit ihren Folgen (siehe hier auch: Lebensstilbildtheorie) lassen sich noologisch und physiologisch so beschreiben:

a) Nach der Geburt ist der Säugling im Hinblick auf seine Umwelt hochaktiv.

b) Die Umwelt beantwortet diese Aktivitäten; diese Antworten sind selbst wiederum vom Unterbewussten (in Hinblick auf eigene Fähigkeiten wie auf Meinungen über dieses Kind) angefärbt.

c) Für den Säugling ist die eigene Aktivität ”selbstverständliche” Intention, die nachfolgende Beantwortung Effekt, der auf die weitere Gestaltung der Aktivitäten Einfluss nimmt: das Kind speichert auch die Erfahrungen und die Erfahrung mit einer Erfahrung im Unterbewussten des Geistes (das im Frontalhirn sein Zentrum hat).

d) In dem Maße, in dem ein Effekt nicht zur ursprünglichen Intention des Kindes passt (also durch Irrtümer draußen [und deren Folgen] Verwundungserfahrungen drinnen registriert werden), wird das Kind andere Intentionen ausprobieren, bis eine erwünschte Wirkung eintritt. Diese Einpassungsfähigkeit des Menschen im Hinblick auf Lernfähigkeit und Internalisierung von Abwehrmöglichkeiten ist für die Spezies überlebensnotwendig gewesen, wenn wir bedenken, dass die ”wilden” Tiere vor dem Menschen da waren!

e) Die Summe dieser - eben auch durch Verwundungserfahrungen qualifizierten - Rückmeldungen und Verarbeitungen führt zur Bildung eines individuellen Deutungssystems, des Lebensstils. Da diese ”Deutungen” jedoch subjektiv angefärbte Ansichten darstellen, nennen wir sie Interpretationen im Unterschied zu bewussten und der Logik zugänglichen Deutungen.

f) Den Zeitraum zur Bildung dieses Lebensstils nennen wir die ”vorlogische Phase”. Sie wird beendet, wenn ein bestimmtes individuelles Maß an Aktionspotentialen im ”geistigen” Anteil des Gehirns erreicht ist. Es wird dann z.B. ein Signal an die Gonadenentwicklung gegeben; die Geschlechtsreife, die im 6.Schwangerschaftsmonat unterbrochen worden ist, setzt sich fort: die Pubertät beginnt (im Normalfall um das 8.Altersjahr).

g) Da thalamische Impulse die Großhirnrinde (also unser Bewusstsein) erst nach Überprüfung und Verarbeitung im Frontalhirn (mit entsprechenden allgemeinen unterbewussten Folgen der Impulsweitergabe auch an andere Gehirninstanzen einschließlich Rückmeldungen) erreichen, können wir die bewussten Denkinhalte als Produkt dieser tendenziösen Apperzeption erkennen.

h) Durch die in c) implizit ausgesagte Verwechslung von Effekt und Intention, die jeder Mensch mehr oder weniger stark in seinen Lebensstil, abhängig von seinen frühkindlichen Erfahrungen, integriert, lässt sich der Entstehungszusammenhang von Lebensstilen auch so beschreiben: Die unterbewusst intendierte Verwundungstendenz eines Erziehers wird vom Kind als von ihm selbst ausgelöst angesehen (”es liegt an mir”), als erste, irrtümliche Umdrehung eines Tatbestandes und unter Beteiligung seines Überlebenswillens beantwortet (”es liegt jetzt an mir” -ergänze ”es zu ändern”-) als zweite Umdrehung, die auf der ersten irrtümlichen aufbauend selbst irrtümlich ist [Für irrtümlich benutze ich an dieser Stelle der zweiten Umdrehung synonym das Wort ”aversiv”: dem Wiederfahrnis von ”leben” und sich selbst gegenüber abgewandt]. Effekte kann ich nicht intendieren, nur meine eigenen Anteile sind meiner Intention zugänglich. Wenn ich z.B. jemandem ein Geschenk machen möchte, dann kann ich das organisieren. Ich kann entscheiden, was und wann und wie - bis zum Überreichen des Geschenks sind meine Intentionen von mir selbst. Dann jedoch ist es vorbei mit meinem Machen. Der andere kann das Geschenk nun annehmen oder die Annahme verweigern, er kann sich freuen oder sich verstellen und nur so tun, als ob. Diesen Effekt kann ich nicht intendieren (wenngleich ich mir etwas wünschen kann), den kann ich nicht machen; ich kann ihn nur meinerseits annehmen oder verweigern. Was ich machen kann, ist für mich machbar; es ist im Augenblick des Machens jedoch für mich nicht annehmbar. Das, was als Effekt in Erscheinung tritt, ist von mir nicht machbar, jedoch annehmbar. Und damit kann ich dann wieder eine eigene Antwort finden. Der Satz ”Was habe ich nicht alles für dich getan!” enttarnt denjenigen, der ihn sagt, als jemanden, der einen Effekt erzwingen will, der mit dem, was er tat, ein Geschäft machen wollte, als jemanden, der ”lieben” mit ”haben” verwechselt. Wenn ich jemandem etwas schenke, bedanke ich mich bei dem, der es mit Freude annimmt. Wenn ich den Dank beim Andern erwarte, ist der Verdacht allemal angebracht, dass ich mit Hilfe dieses Geschenkes den anderen bestechen will, kaufen, dass ich ihn in die Knie zwingen will, so dass er mir zu Füßen liegt und mir gefällig ist. Wir können das bei Kindern beobachten, die ein wunderschönes Geschenk bekommen, es sofort auspacken und damit zu spielen beginnen. Und dann steht einer der Eltern daneben und zwingt das Kind aus seiner Freude heraus, indem gesagt wird ”Nun sag’ mal schön danke”. Das Kind steht auf, tut, wie befohlen, ist verwirrt und die Freude ist weg (siehe das Thema der Verwechslung von Freude mit Dankbarkeit).

i) Die von der unterbewussten Interpretation abhängigen Folgen (erkennbare wie nicht erkennbare) geben AufSchluss über die Tatsache, dass diese nicht dem entsprechen müssen, was der Mensch als Folge vorausgedacht (sprich ”er-wartet”) hat. Die subjektive Wertung dieses Sachverhaltes unterbewusster Beteiligungen im Sinne der ersten Umdrehung führt zur ”Schuldfrage”, die selbst die Lernfähigkeit (sich also von der Folge belehren zu lassen, statt diese belehren zu wollen und umzudeuten) so blockiert, dass eine Erkenntnis nicht mehr möglich ist: das unterbewusste System erhält sich selbst, wie wir es oben im Hinblick auf das Streben nach Erhalt der eigenen Identität bei Organen beschrieben haben.

j) Wenn wir nun auf die Hereinnahme von Impulsen beim Menschen genau schauen, bleibt noch die Tatsache zu nennen, dass nur jene Impulse aufgenommen werden können, die tatsächlich auch vorhanden sind. Die Abbildung eines Außenreizes in der Innenwelt des Menschen hat nicht nur einen Informationsverlust im Hinblick auf die Selektion und die Verarbeitung (wozu natürlich auch er-dachte Hinzufügungen gehören) zu verkraften, sondern auch fehlende Informationen und für das Verstehen fatale (eben leider auch gezielte!) Informationslücken! Ein Zuviel an Information (Reizflut) führt in der Regel zu einer ”parasympathischen VerSchlussreaktion” bis hin zu möglichen depressiven Folgen (z.B. in der Hyperathymie) -, ein Zuwenig zu einer ”sympathischen Dynamisierung” (Hyperdynamie) - Sorge bis hin zu möglichen melancholischen Folgen. So lassen sich vegetative Störungen differenziert diagnostizieren und noologisch aufbereiten. Die Folgen für die Indikation von Psychopharmaka sind deutlich: Antidepressiva können bei einer vegetativen Störung durch ein ”Sorgesyndrom” natürlich keine Hilfe sein.

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