Grundlegung

Zu jedem Spiel gehört ein Regelwerk, das die Handlungsmöglichkeiten festlegt (begrenzt). Diese können jedoch im Einvernehmen auf die Be-dürfnisse der Spielenden passend geändert werden, so dass sogar völlig neue Spielarten er-funden werden.
Allgemein bedeuten Grenzerfahrungen Möglichkeiten, Sinn zu begegnen, Sinnerfahrungen machen zu können.
Familiäre Regelwerke können durch das Kind normalerweise nicht geändert werden. Es hat nur in adversiven Nischen die Möglichkeit, selbstbestimmt zu spielen.
In der Spieltherapie müssen also Freiräume für neue Umgangserfahrungen angeboten werden, die das Kind nicht gefährden, sondern „vertraulich“ sind.

Vertrauen impliziert Gewissheit. Vertrauen ist selbst von Vertrauen getragen (das Sicher-stellen wird unnötig): sich verlassen heißt, sich in den Augenblick entlassen: zu sich kommen und den anderen wahrnehmen!
Dies erscheint wie eine Ferne von mir, in der ich mir nahe komme; doch das Hier im Jetzt wird zur Erfahrung durch Verlassen des Hier und Jetzt:
Hinaus-weisen (transzendieren) heißt „über sich“ hinausweisen, nicht wen des Raumes verweisen. Daraus folgt: Mut zur Beziehung setzt auch für Spieltherapeutinnen und Spieltherapeuten neue Möglichkeiten frei.
Anm.: In einer problematischen Situation sich neben sich stellen, ironisierende Distanz, dann mit Humor zurück ins Hier im Jetzt.

Beziehung ist grundsätzlich etwas anderes als Vergleich! Eine Beziehung zu einem anderen Menschen habe ich dann, wenn ich ihn annehme und wirklich als anderen wahrnehme: mich selbst von ihm als Nichtselbstigem unterscheiden kann. Aber auch hier besteht wieder die Möglichkeit der aversiven Verzerrung, indem ich die Inhalte der Beziehung verleugne und so tue, als habe ich mit dem anderen nichts zu tun. Doch schon allein dadurch, dass ich ihn sehe, entsteht eine Beziehung. Allerdings entscheide ich dann, ob und wie ich zu dem anderen weiteren Kontakt aufnehmen will.
Umgewandeltes Zitat aus SuI3 „Die Mehrdimensionalität des Menschen 4.:

Auch der spielende Mensch ist ein Mensch. In diesem Sein erfährt er sich als lebendig. In dieser Lebendigkeit erkennen wir Dynamik, auch wenn er sich im Augenblick des Erkennens in der Statik (Ruhe) fühlt.

a. In einem Augenblick eines Spiels ist der Mensch nicht mehr so, wie noch im Augenblick zuvor. Die scheinbare Wiederholung einer Aktion des Menschen ist immer eine andere Aktion als die, mit der wir sie verglichen haben und sie deshalb als Wiederholung beurteilen. Eine solche Beurteilung wäre also ein „Vorurteil“ (Vorausurteil), das nur in den Sinnzusammenhang des so Urteilenden gehört und niemals dem Beurteilten oder seiner Aktion gerecht zu werden vermag.
Wiederholte Fehler sind deshalb auch stets einzeln in ihrem Zusammenhang zu betrachten („Wie dies‘ mal?“), sonst gelingt die Korrektur nicht, da der Transfer misslingt.

b. Die Dynamik des Menschen ist in die allgemeine Bewegung der Wider-fahrnisse von „leben“ - aus einer Vergangenheit in eine Zukunft - hineingestellt, und zwar so, dass der Mensch Ziel, Richtung und Energieaufwand selbst entscheidet - unabhängig davon, ob er dies bewusst oder unbewusst tut.
„spielen“ kann so auch als eine pathische Kategorie betrachtet werden: „spielen“ widerfährt durch Übereinstimmung, Engagement und Handlung.

c. Diese Dynamik macht die Vitalität des Menschen aus, ist also lebens- notwendig und mit seiner Zeugung mitgegeben. Sie ist geradezu ein „Muss“, das einzige seiner Existenz. Alle anderen Lebensäußerungen sind durch die Kategorien wollen, dürfen, sollen und können zu beschreiben.
Beim Spiel ist die Befolgung der Abmachungen ein „müssen“ und keine unzulässige Begrenzung der persönlichen Freiheit. Deshalb sind Regeländerungswünsche auf ihr Ziel hin zu untersuchen: will dieser Wunsch „nur“ einen Gewinn auf schnelle Art ohne Anstrengung oder ist das Kind womöglich tatsächlich überfordert.

d. Dieses „müssen“ auch bewusst zu wollen, macht die Freiheit des Menschen aus. In ihr leuchtet die Fülle der Ganzheit und Einheit und Dynamik des Menschen auf.
Im Spiel kann dieses „muss“ spielerisch erlernt werden als eine tatsächlich logische Folge, die keinen Krankheitswert hat (also niemanden kränkt).

e. Die Notwendigkeit, mit der Dynamik umzugehen, fordert Entscheidungen heraus. Menschsein ist „entscheidendes Sein“ (Karl Jaspers). Hierin liegt keine Freiheit. Der Mensch muss sich im Hinblick auf Ziel, Richtung und Energie entscheiden. In der Entscheidung jedoch wird Freiheit sichtbar, als Freiheit für; darin, dass er sich für etwas (und damit auch immer für etwas anderes) entscheiden kann.
Entscheidungen für Boykott, Schweigen, innere Abwesenheit o. ä. sind ebenfalls Entscheidungen.

Der Mensch ist immer, solange er lebt, der von den Widerfahrnissen von „leben“ herausgeforderte Mensch. Darin weist er in seiner Existenz immer schon über sich selbst hinaus auf die der Existenz vorgeordnete Wahrheit des Sinns seines Seins – trotz aller Symptomatik.

Umgewandeltes Zitat aus SuI3 (ISBN: 3-89379-111-6) „Die Mehrdimensionalität des Menschen 5.:

a. Da die Dynamik des Menschen in die allgemeine Bewegung der Widerfahrnisse von „leben“ hineingestellt ist (hier 4.b.), ist es also die Gelebigkeit selbst, die ihn herausfordert, Entscheidungen zu treffen. Der Begriff „Gelebigkeit” sagt mehr als das Wort „Lebendigkeit“. Er achtet das Widerfahrnis von „leben“ und gibt diesem kein eigenes Subjekt (wie das Nomen „Leben“), das, mit eigener Willkür ausgestattet, vorzugeben scheint, den Menschen auch unzulässig begrenzen zu können. Die Gelebigkeit wagt die Regeneration, sie löst die Weise (den Modus), wie z. B. ein Mensch Mensch sein darf/ soll/kann.
In der Spieltherapie wird die Regeneration als Effekt wirksam.

Das Wissen um die Dimension menschlicher Entscheidungen kann verkehrt werden in die Schuldfrage, die dann Entscheidungsfähigkeit blockiert und Erkenntnis verhindert. Sie ist ein gewalttätiger Gegner der Sinnfrage. Die Schuldfrage tut so, als sei Vergangenheit änderbar durch Sühneakte, als hätte Verhalten nicht bloß die logischen und natürlichen Folgen zu tragen. Die Schuldfrage „warum“ fordert eine Erklärung, eine Rechtfertigung. Die Sinnfrage fragt „wie“ (bin ich hineingeraten? wie ist es geschehen?) und lässt die Zusammenhänge von Umgang und entstandenen Effekten so im Denken zu, dass sie erkannt und für die Zukunft wirksam werden können.

Gegenüber situativen Aktionsweisen, die autoaggressiv starten und auf Gewalt warten, kann jedoch Humor geistesgegenwärtige Antworten finden, die die Luft reinigen, das Gesicht wahren helfen und einen Neustart ermöglichen. Angewiesen bleibt jedoch auch der Humor auf Anwendung wie auch auf Annahme.

Die aggressiven situativen Aktionsweisen diminuieren! Sie möchten den anderen desorientieren. Wer eine aggressive Aktionsweise gegen sich selbst richten will, kann dies (qua definitione) nur mit Hilfe einer Hyperaktionsweise und zwar einer statischen, um sich den Anschein der Handlungsunfähigkeit zu gönnen. Die Umwandlung kann nur in der gleichen Dimension geschehen: z. B. „sich entmündigen wollen“ führt zu einer paranoiden Aktion. Der kategoriale Begriff dafür wäre dann „enthalten“.

Im Umgang der Menschen miteinander kann es bei Auseinandersetzungen dazu kommen, dass jemand einen anderen nur (aversiv) übertreffen kann, wenn er dessen situative Möglichkeiten übertrifft. Stehen ihm nun nicht ausreichend situative Aktionsweisen zur Verfügung, muss er bereits auf Hyperaktionsweisen zurückgreifen, die der andere dann mit einem Antibild-Verhalten übertreffen kann, wenn er den Sieg behalten will.

Im Antibild (AB) wird die Summe der aversiven Möglichkeiten eines Lebensstil-bildes auf den Begriff gebracht. Dienen die situativen Aktionsweisen dem alltäglichen Gebrauch eines Lebensstils, werden die Hyperaktionsweisen in einer Schocksituation angewendet, in der Nähe zu einer Verwundung erahnt oder gewähnt wird, so bildet das Antibild-Verhalten den extremen Sonderfall für Situationen, in denen die Assoziationen zu einer Verwundung (abgebildet im Lebensstilbild) größtmögliche Nähe zu dem jeweiligen VA-Zentrum erkennen lassen.
Die Bedeutung eines Lebensstils liegt ja wesentlich im Schutz vor Wieder-verwundung, d. h. der Lebensstil als geschlossenes System kann nur dann Antibild-Verhalten (AB) aufgrund einer Interpretation (= Fehldeutung!) gegenüber der gegenwärtigen Situation (inzwischen ist ein Mensch ja älter geworden und hat mehr Handlungsmöglichkeiten als in der vorlogischen Phase) für notwendig erachten, wenn die Gefahr einer Änderung zu drohen scheint, die das System öffnen könnte.

Es ist egal, ob jemand aversiv handelt, ich kann mich abgrenzen - und das ist keine Verwerfung. Ich kann:
hinhören oder - zuhören
hinsehen oder - zusehen
ja zum Sinn oder ja zur pseudosinngebenden Funktion des Lebensstils sagen.

(Dieser Text stammt aus den Unterlagen - von W. A. Siebel erstellt - des Grundstudiums in der Weiterbildung.)

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